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Paris: Terroranschläge und die deutsche Nationalmannschaft

Paris, 13. november 2015: terroranschläge in der französischen hauptstadt

Drei Kommandos des „Islamischen Staats“ (IS) verübten fast zeitgleich schreckliche Bluttaten in Paris. 130 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Auch die deutsche Nationalmannschaft war in das Fadenkreuz der Terroristen geraten.

Ausnahmezustand rund um das freundschaftsspiel

Rund um das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland im Stade de France in Saint-Denis vor den Toren von Paris herrschte Ausnahmezustand. Drei Bomben, gezündet von Selbstmord-Attentätern, gingen vor dem Stadion hoch, während die Begegnung lief. Der Knall der Detonationen war sowohl im Stadion als auch für die TV-Zuschauer deutlich zu hören. Es war die schlimmste Nacht des deutschen Fußballs.

Bombendrohung im team-hotel

Bereits der Morgen am Spieltag begann für die DFB-Auswahl mit einem Schock! Eine anonyme Bombendrohung war im Team-Hotel „Molitor“ eingegangen. Einige Spieler waren soeben vom Frühstück in ihre Zimmer zurückgekehrt oder bereits bei der Aktivierungseinheit in einem speziellen Raum, als Alarm ausgelöst wurde. DFB-Sicherheitsmitarbeiter klopften an die Türen und baten die Profis und die Sportliche Leitung, das Quartier zu verlassen und ihr Warm-up-Training auf dem Gelände der nahe gelegenen Tennisanlage Roland Garros zu absolvieren. Währenddessen wurde das Hotel mit Spürhunden nach Sprengsätzen durchsucht.

Oliver bierhoff und die sicherheitsmaßnahmen

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff (57) war bei einem Sponsoren-Termin in Paris, als er über die Vorgänge im Team-Hotel informiert wurde. Er verließ so zügig wie möglich die Veranstaltung, wollte schnell zum Quartier. Dort bekam Bierhoff aber lange keinen Zutritt, die französischen Sicherheitsbehörden ließen bis mittags niemanden rein.

Die anschläge und die reaktionen

Es ist 21.20 Uhr, als auf dem Vorplatz des Stade de France die erste Bombe gezündet wird. Wenige Minuten später erneut ein lauter Knall, während der erste Durchgang des Spiels lief. Vor dem Stadion starb neben den drei Attentätern ein Unbeteiligter. Die Terroristen machten bei ihren perfiden Plänen zum Glück Fehler. Zu Lebensrettern wurden die Ordner, die den Attentätern den Zugang zum Stadion verwehrten, weil sie keine Eintrittskarten besaßen.

Die reaktionen der dfb-führung

Der DFB wurde ebenfalls aufgeklärt – auch aus Deutschland. Der damalige NRW-Innenminister Ralf Jäger (64), ein Freund von Sandrock, bekam wichtige Infos von seinen französischen Kollegen und rief den auf der Tribüne sitzenden DFB-Generalsekretär sofort an. Er schilderte ihm die ersten Erkenntnisse: Terror am Stadion, Terror in der Stadt. Daraufhin wurde mit der französischen Sicherheit über das weitere Vorgehen in der Arena diskutiert – mit der Entscheidung, das Spiel nicht abzubrechen und vorerst keine Informationen von den Anschlägen rund ums Stadion zu veröffentlichen.

Die rückkehr nach deutschland

Die Polit-Prominenz kehrte nach der Halbzeit auf ihre Plätze zurück. Das Stadion wurde abgeriegelt, damit von außen kein Terrorist Zutritt erhalten konnte. Sogar das Handynetz soll phasenweise bewusst gestört worden sein, damit die Zuschauer von außen keine Infos bekommen konnten, was in der Pariser Innenstadt passierte. Mit diesen Maßnahmen sollte eine Massenpanik verhindert werden. Darum wurden auch erst nach dem Schlusspfiff beide Teams über die Bomben-Anschläge informiert, nachdem sie zuvor von Sicherheitskräften zügig in die Kabinen gebeten worden waren – während Tausende Fans ängstlich im Innenraum der Arena verharrten.

Die auswirkungen auf die nationalmannschaft

Die Kabine und Katakomben wurden zum Not-Quartier und zur Schutzzone für die deutschen Stars. Der Bereich wurde von schwer bewaffneten Polizisten bewacht. Bierhoff hielt in der Umkleide eine erste Rede zur Mannschaft und klärte sie über die aktuelle Krisensituation auf. In etwa 30-minütigen Abständen informierte er das Team, den Trainer und den Stab über neue Entwicklungen. Weil das Handynetz zeitweise überlastet war, suchte etwa DFB-Boss Koch andere Wege, eine gute Nachricht in die Heimat zu übermitteln: „Im inneren Stadionbereich waren Interview-Tische für die jeweiligen TV-Stationen aufgebaut. Ich weiß noch, dass ich anfangs bewusst zwei-, dreimal im Hintergrund – ohne in die Kameras zu schauen – durchs Bild gelaufen bin. In der Hoffnung, dass ich zu Hause von meiner Familie gesehen werde, weil sie sich Sorgen machte“, sagt Koch.

Die rückkehr nach deutschland

Einige Spieler hatten mit der Situation mental sehr zu kämpfen. „Die Stimmung war brutal bedrückt“, erinnert sich Torhüter Ron-Robert Zieler (36). Weil auch nicht allen Angehörigen, die im Stadion waren – wie Birgit Köpke, der Frau des damaligen Torwart-Trainers Andreas Köpke (63) – sofort Zutritt im gesicherten Stadionbereich gewährt wurde. „Die Spieler haben sich unterschiedlich verhalten. Ich kann mich entsinnen, dass zum Beispiel Leroy Sané, der in Frankreich sein Debüt feierte, sehr in sich gekehrt war. Einige haben sich mit Gesprächen in der Gruppe abgelenkt, andere haben telefoniert oder versucht zu schlafen“, erinnert sich Koch.

Die abreise nach deutschland

Denn geplant war, dass die Rückreise des DFB-Trosses aus Paris erst am Sonntag erfolgen sollte. Doch die Situation eskalierte. Joachim Löw (65) erhielt einen Anruf seines türkischen Beraters Harun Arslan. Der teilte dem damaligen Bundestrainer mit, dass er über seine Verbindungen zu Türkeis Regierung und deren Geheimdiensten Informationen bekommen habe, dass in der Nacht auch das deutsche Team-Hotel Ziel von Terroristen sei. Einer der DFB-Führungs-Crew jedoch kehrte trotzdem zurück in sein Hotelzimmer: Koch ging das Risiko ein und holte seine Protokolle, die er auf dem Schreibtisch liegen gelassen hatte – und kehrte ohne Schaden zurück. „In der Nacht war es völlig unklar, wie wir zurückkommen. Es stand kein Flugzeug zur Verfügung“, sagt Koch. Keiner hatte mit so einer Krisensituation rechnen können. Ursprünglich hatten einige Spieler noch das U2-Konzert am Samstag in Paris besuchen wollen. Die Veranstaltung wurde nach den Anschlägen abgesagt.

Die rückkehr nach deutschland

Rauball nahm Kontakt zum damaligen Innenminister Thomas de Maizière (71) auf, um zu klären, ob ein Flugzeug der Regierung die Nationalmannschaft zurück nach Deutschland bringen könne. Auch Bierhoff, der von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (71) telefonisch Beistand erhielt, arbeitete als Krisenmanager an der Abreise. Nach Absprache mit Lufthansas Vorstandschef Carsten Spohr (58) sollte es am Samstagmorgen Richtung Heimat gehen. „Wir haben die ganze Nacht in der Kabine gewartet. So gegen fünf Uhr in der Früh ging es Richtung Airport“, sagt Zieler. Bewacht von der Polizei. Der Flieger stand auf einer Außenposition am Ende des Flughafens Charles de Gaulle. Ohne kontrolliert zu werden, wurden die Mannschaft, der Stab und die mitgereisten Journalisten ans Rollfeld gefahren und stiegen in die Maschine. Ziel: Frankfurt/Main. Landung: gegen 10 Uhr. Von dort fuhren die Spieler in ihre Heimatstädte zurück.

Die auswirkungen auf die nationalmannschaft

„Viele von uns haben nicht mehr damit gerechnet, dass wir drei Tage später gegen die Niederlande in Hannover noch spielen“, sagt Zieler. Nach intensiven Gesprächen zwischen der DFB-Führung, Löw und der Politik wurde anders entschieden. „Ich glaube schon, dass es ganz wichtig ist, wenn man Terrorgefahr in einem Land begegnen will, dass man sich nicht einschüchtern lässt“, sagt Koch heute.

Die absage des spiels

Also trafen sich die Spieler und Trainer in der Sportschule Barsinghausen wieder. Doch am Dienstag, den 17. November, kurz vor dem Anpfiff, wurde die Partie wegen erneuter Terrorgefahr abgesetzt. Dabei waren die Tore der HDI-Arena mit knapp 50.000 Plätzen bereits geöffnet. Es war die erste Absage eines Länderspiels in Deutschland wegen Terrorverdachts. Ein weiteres trauriges Kapitel. Davor hatte sich der DFB aber wirtschaftlich abgesichert. Denn eine internationale Begegnung bescherte dem Verband damals inklusive des TV-Geldes und Sponsoren-Einnahmen zwischen fünf und sieben Millionen Euro.

Die versicherung und die entschädigung

Nachdem Deutschland 2014 Weltmeister geworden und der Fokus noch größer auf die Nationalmannschaft gerichtet war, schloss der Verband nach SPORT BILD-Info aus Vorsicht eine Zusatzversicherung ab. Die Nationalspieler waren bereits gegen Invalidität, vor Katastrophen wie Flugzeugabstürzen oder Bombenanschlägen geschützt. „Der DFB hat immer darauf geachtet, dass die Nationalspieler abgesichert sind. Aufgrund der weltpolitischen Entwicklung haben wir dann entschieden, uns auch vor dem Ausfall von Spielen abzusichern. Der DFB war später Vorbild für viele Verbände“, bestätigt Sandrock. Von der ausgezahlten Versicherungssumme profitierte auch Hannover 96, das sein Stadion zur Verfügung stellte. Dem Verein war durch die Spielabsage ein finanzieller Schaden entstanden. Denn Hannover sollte an den Ticket-Einnahmen partizipieren. Der DFB aber musste das Geld für die Karten an die Zuschauer zurückzahlen. Neben einem Kompensationsspiel am 11. Oktober 2016 gegen Nordirland gab es rund 500.000 Euro als Entschädigung.