Kritik und Vorwürfe um Fifa-Chef Infantino – Krisensitzung und Loyalitätsbekundung
Auch nach dem Rückzug seiner Investitionspläne für die Fussball-Weltmeisterschaft regnet es weiterhin Kritik und Vorwürfe um Fifa-Chef Gianni Infantino. Ein Top-Funktionär wirft Infantino Erpressung vor, während die Fifa am Mittwoch eine Krisensitzung in Marokko einberief. Nach dem Treffen ist klar: Die Spitze des Weltfussballverbands stellt sich hinter ihren Chef.

Expertenanalyse von Ronny Blaschke
Sportjournalist Ronny Blaschke ordnet die Situation ein.
Ronny Blaschke
Ronny Blaschke arbeitet als freier Journalist in Berlin. Er interessiert sich für die gesellschaftlichen Hintergründe des Sports und ist Buchautor und Moderator.
SRF News: Hat Infantino die Dynamik und den vehementen Widerstand gegen seine neuen Investorenpläne schlicht unterschätzt?
Ja, Gianni Infantino hat die Dynamik ganz klar unterschätzt. Die erfolgreiche Fussball-WM und seine politische Nähe zu Trump haben ihn beeindruckt. Seine Besuche im Weissen Haus bei politischen Spitzentreffen haben sein Selbstvertrauen so stark gemacht, dass das in Hybris umgeschlagen ist und er offenbar glaubt, alles relativ schnell durchsetzen zu können. Dass er von sich zurücktreten werde, habe ich nie gedacht.
Gab es denn wirklich Momente in den letzten Tagen, in denen der Thron von Infantino gewackelt hat?
Gianni Infantino ist kein Nationaltrainer, den man mit wenigen Stimmen aus dem Amt heben kann. Er ist ein bestens vernetzter Fifa-Präsident und die Hürden sind sehr hoch, ihn aus dem Amt zu entlassen. Dass er von sich zurücktreten werde, habe ich nie gedacht. In den Statuten steht, dass mithilfe von 20 Prozent der Mitgliedsverbände ein Sonderkongress bei der Fifa beantragt werden kann. Das hätte zum Beispiel Europa allein schon bewerkstelligen können. Jedoch würden sie das nur tun, wenn sie den Sturz auch wirklich sicher haben.
Nun hat Infantino wieder Zeit, seine Truppen um sich zu scharren. Infantino hat jetzt die Zügel wieder fester im Griff. Infantino wird sicherlich die Zeit gut nutzen: Telefonate führen, Verbände bereisen, Turniere besuchen, Kongresse versprechen.
Ein weiterer Faktor sind die Sponsoren. Es gibt noch keinen wichtigen Sponsor, der sich von Infantino abgewandt hat. Doch wenn sich die Sponsoren abwenden und das Geld schwindet, dann dürfte es für Infantino kritischer werden, als wenn jetzt ein Verbandspräsident den Daumen hebt oder senkt.
Gianni Infantino hat sich nun mit der Fifa-Spitze Marokkos getroffen. Wie konnte er die Wogen erneut glätten und den Kopf aus der Schlinge ziehen?
Es ist interessant, dass er das Treffen in Marokko angesetzt hat. Man geht nach Marokko, dem WM-Gastgeber von 2030, einem ihm sehr wohlgesonnenen Land. Wir wissen alle nicht, was da genau vorgefallen ist. Vielleicht ist das der erste Schritt der Befreiungskampagne von Infantino. Von dort wird er sicherlich die Zeit gut nutzen: Telefonate führen, Verbände bereisen, Turniere besuchen, Kongresse versprechen. Also diese typische Vernetzung betreiben, die seine Vorgänger Sepp Blatter und João Havelange vor ihm schon entwickelt haben, die er jetzt perfektioniert hat.
Steckt da vielleicht auch bei vielen Kritikerinnen und Fussballfans Wunschdenken dahinter, dass Infantino nun gehen muss?
Wir kommen aus Europa und haben Demokratie in der DNA. Wir haben immer einen kritischen Blick auf diesen Präsidenten. Ich plädiere stets dafür, dass wir uns herauszoomen aus unserem europäischen Blick. Infantino preist das vermutlich mit ein und hat das bei allen Entscheidungen immer gemacht. Auch Sepp Blatter ist so lange Fifa-Präsident geblieben, nicht weil er Europäer ist, sondern gegen den Willen der Europäer. Auch Infantino hat seine Unterstützung immer in den kleineren Staaten bekommen, die zum grossen Teil von seinem Entwicklungsgeld abhängig sind. Aber wenn die kleineren Staaten sehen, dass sie von einem anderen Präsidenten noch mehr zu erwarten hätten, dann würden sie sich gegen Infantino wenden.
